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Aktuelles Heft: Widerständigkeit - Editorial

Nr. 3/ 2020 befasst sich mit dem Schwerpunkt „Widerständigkeit“. Widerständigkeit kann dabei als Ensemble von individuellen wie auch gesellschaftlichen Werthaltungen, Einstellungen und Verhaltensweisen verstanden werden. Wahrgenommene Probleme und Krisen können Anlass dafür bieten, dass sich Opposition und Protest manifestiert sowie Selbstermächtigungsprozesse erfolgen – dies eröffnet u. a. auch den Raum für Veränderungen, Innovationen und Alternativen. Das Heft umfasst fünf Artikel und auch Buchbesprechungen, die Aspekte von Widerständigkeit aus unterschiedlichen Perspektiven behandeln und zur Diskussion stellen.

Markus Pausch beschäftigt sich mit dem demokratischen Urmoment und seinen Folgen. Theoretischer Ausgangspunkt sind die Überlegungen von Albert Camus zur Demokratietheorie der Revolte: Camus unterscheidet zwischen gewaltsamer Revolution (mit dem Ziel einer absoluten Utopie) und gewaltfreier Revolte, deren Ziel weniger utopisch ist. Die ausgewählten Bewegungen Fridays for Future, Extinction Rebellion, Gelbwesten und Black Lives Matter werden im Hinblick auf die Dimensionen Ausgangspunkte (demokratische Urmomente – wenn Individuen Nein zu Unterdrückung, Zwang und Ungerechtigkeit sagen und sich für Veränderungen einsetzen), Ziele, Methoden im Kontext von Dialog und Gewaltbereitschaft sowie Solidarität demokratietheoretisch zugeordnet und analysiert. Pausch interpretiert diese vier Bewegungen eher als Beispiele einer friedlichen Revolte und weist abschließend auf weiterführende, offene Fragen hin.

Nora Schröder analysiert den Widerstand gegen das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP als „Akt der Bürger*innenschaft“ – angeleitet vom Enactment-Ansatz Engin Isins und auf Basis eigener Interviews mit europäischen Anti-TTIP-Aktivist*innen: Enactment als Bruch und Neu-Erschaffen konstituiert dabei erst Bürger*innenschaft im Sinn eines Sich-verantwortlich-Machens. Die Autorin zeigt auf, dass diese „Troublemaker“ und ihr politischer Widerstand – zunächst im Rahmen einer im Rechtssystem der EU verankerten „Europäischen Bürgerinitiative“, nach deren Scheitern in Form einer von Aktivist*innen „selbstorganisierten Europäischen Bürgerinitiative“ – das Potenzial haben, zur Politisierung und Demokratisierung der europäischen Politik beizutragen: Schröder argumentiert, dass die unterschiedlichen Formen, sich im politischen Handeln als europäische Bürger*innen zu verhalten (u. a. Selbstermächtigung in Form einer selbstorganisierten Europäischen Bürgerinitiative, Austausch im Rahmen intensiverer transnationale Vernetzung) die Vielfalt an Bedeutungen von Bürger*innenschaft hervorheben kann.

Das Autor*innenteam Rainer W. Alexandrowicz, Christian Bendl, Michael Katzlberger, Barbara Liegl, Martin Reisigl und Anna-Laura Schreilechner stellt das laufende österreichische Forschungsprojekt Counter-Bot vor, das Erkenntnisse für die künftige Entwicklung eines Systems Künstliche Intelligenz liefern soll, um rassistische „Hasspostings“ zu identifizieren und geeignete Gegenrede hervorzubringen. Antidiskriminierende Widerständigkeit und gezielte Diskursintervention sollen einen Veränderungsprozess einleiten, um Selbstreflexion, Umformulierungen bzw. Löschung rassistischer Kommentare zu bewirken.

Wie politische Entscheidungsträger*innen in österreichischen Landgemeinden mit Protest der lokalen Bevölkerung umgehen, wenn eine Kleinschule im Ortsteil geschlossen wird, analysiert Sigrid Kroismayr. Empirische Datengrundlage sind 14 qualitative Interviews mit Bürgermeister*innen, die derartige Schulschließungen in die Wege geleitet haben. Die Autorin differenziert verschiedene Ausprägungen von Widerstand bzw. Protest und argumentiert, dass die Art und Weise der Kommunikation sowie die Stärke des Zusammengehörigkeitsgefühls der Gemeindebevölkerung die unterschiedliche Intensität von Widerstand beeinflussen.

Zoltan Peter und Ina Wilczewska untersuchen im Rahmen eines theoretischen Ansatzes, der Offenheit (unvoreingenommene und widerstandslose Anerkennung), Resonanz und Toleranz (im Spektrum zwischen vollständiger Akzeptanz und vollständiger Ablehnung) miteinander in Beziehung setzt, Weltbeziehungen von Jugendlichen: Weltbeziehungen meint im Sinn Hartmut Rosas die Verbundenheit mit und Offenheit gegenüber anderen Menschen und Dingen im Spannungsfeld von Resonanz und Entfremdung. Empirische Basis sind quantitative Befragungen von und qualitative Interviews mit Wiener Schüler*innen v. a. auch mit Migrationsgeschichte bzw. Migrationshintergrund. Ausprägungen von religiösen Einstellungen, Positionen zu liberalen Werten und demokratischen Normen sowie Vorurteile werden im Zusammenhang mit vier unterschiedlichen Toleranztypen und in Abhängigkeit von soziodemografischen Kontextvariablen interpretiert. Die Autor*innen kommen zum Schluss, dass die Mehrheit der untersuchten Jugendlichen in ihren Weltbeziehungen eher offen ist und dem Typus einer mit Demokratie gut vereinbaren Respekt-Toleranz zugeordnet werden kann.