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Graphik: Bulletpoint Aktuelles Heft: Widerständigkeit - Ausgewählte Rezension

Hickel, Jason :  Die Tyrannei des Wachstums. Wie globale Ungleichheit die Welt spaltet und was dagegen zu tun ist (2018)
München: dtv.

Rezensiert von: Hans Holzinger

„Wollen wir die großen Probleme der globalen Armut und Ungleichheit, der Hungersnöte und kollabierenden Ökosysteme lösen, dann muss die Welt der Zukunft ganz anders aussehen als die Welt, die wir sie heute kennen“ (13). Eine große Ansage des an der London School of Economics lehrenden Anthropologen Jason Hickel, dessen Buch „Divide“ unter dem Titel „Die Tyrannei des Wachstums“ vor kurzem auf Deutsch erschienen ist.

Die Ursachen für die sich immer weiter auftuende Schere zwischen Arm und Reich reichen für Hickel zurück zu den falschen Entwicklungsversprechen des Kolonialismus. Sie fanden ihre Fortsetzung in der Zerstörung eines eigenständigen Dritten Weges, der mit den Dekolonialisierungsbestrebungen nach dem Zweiten Weltkrieg in vielen Ländern des Südens mit großen Hoffnungen verknüpft gewesen war. Neben direkter politisch-militärischer Gewalt, die zur Absetzung zahlreicher progressiver linker Regierungen geführt hat, verweist der Autor hier auf zwei indirekte Strategien, die er als „neuen Kolonialismus“ bezeichnet: zum einen die Verschuldung der Entwicklungsländer als „Ökonomie einer geplanten Verelendung“ (191–192), zum anderen die Propagierung des weltweiten Freihandels, der den reichen Staaten mehr nütze als den armen. Die Etablierung einschlägiger Organisationen, insbesondere der Welthandelsorganisation, beschreibt Hickel als „Aufstieg des virtuellen Senats“ (240). Staatsstreiche, Strukturanpassung, Freihandel und internationale Schiedsgerichte seien jene Instrumente, die von den reichen Ländern und mächtigen Konzernen heute noch eingesetzt würden, „um ihre ökonomischen Interessen auf der Weltbühne zu sichern“ (286) und die „Plünderung im 21. Jahrhundert“ (ebd.) fortsetzen zu können. Soweit bekannt. Doch was schlägt der Autor als Gegenstrategie vor?

Als erstes fordert Hickel die Abkehr vom „Wohltätigkeitsparadigma“ (333), mit dem Vermögende sich ein gutes Gewissen erkauften. Neben einschlägigen Stiftungen zählt er auch die gesamte Entwicklungshilfe zu diesen Ablenkungsmanövern der Wohlstandsländer von strukturellen Veränderungen. Selbst die Bewegung des fairen Handels bekommt ihr Fett ab, wenn sie der Gewissensberuhigung dient. Wir müssten lernen, „auf die Systeme und nicht auf die Symptome zu achten“ (330). Notwendig seien in diesem Sinne eine Beendigung der Strukturanpassungsprogramme des Internationalen Währungsfonds IWF, die Weigerung, weiter Schulden zu bezahlen, insbesondere wenn es sich dabei um „Diktatorenschulden“ handelt (337), und eine Demokratisierung der internationalen Organisationen. Globale Mindestlöhne, die Reform des Patentwesens v. a. bei Saatgut und Medikamenten (was im Kontext von „Corona“ neue Aktualität gewinnt) sowie die Beendigung der subventionierten Agrarexporte der reichen Länder nennt der Autor als weitere strukturelle Schritte, um mehr Fairness und Gerechtigkeit in die Welt zu bringen. Gestärkt werden müssten Initiativen wie das Climate-Fairshare-Projekt, das Länder des Südens die durch die Klimaveränderung verursachten Schäden finanziell abgelten würde (Vorschlag des Stockholm Environment Institute, siehe für nähere Informationen: http://www.climatefairshares.org/, ein Online-Tool, über welches die globalen Kosten für die Begrenzung des Klimawandels und die notwendigen Anpassungsmaßnahmen auf die einzelnen Länder nach dem Verursacherprinzip sowie auf ihre Wirtschaftskraft ausgewiesen werden). Hickel plädiert weiters dafür, die Strike-Debt-Bewegung (eine in den USA entstandene Bewegung, der es um Widerstand gegen die Schuldenökonomie sowie den Kampf um ökonomische Gerechtigkeit und demokratische Freiheit geht) zu stärken und nicht die Entwicklungshilfeprogramme auszubauen.

Für die reichen Länder schließt sich der Autor jenen Forderungen an, die aus der Postwachstumsbewegung bekannt sind: Abkehr vom Bruttoinlandsprodukt als Wohlstandsmaß sowie vom Konsum als Glücksversprechen (Hickel gesteht, dass letzteres schwierig sein könne, zitiert aber Umfragen, die es als nicht unmöglich erscheinen lassen); schließlich Priorität des öffentlichen Sektors vor privaten Gewinninteressen. Der Übergang zu Vollgeld könnte die Souveränität der Staaten gegenüber dem derzeitigen schuldenbasierten Währungssystem wiederherstellen, so ein weiterer Vorschlag (dem wir uns aufgrund der neuen Rolle der Zentralbanken im Kontext der Finanz- und nun der Corona-Krise ohnedies nähern!).

Dem Ziel, nämlich den Gesamtkonsum deutlich zu reduzieren, wäre mit Maßnahmen, wie Werbeverboten im öffentlichen Raum, der Begrenzung von Kreditkartenlimits, der Verkürzung der Wochenarbeitszeiten sowie Jobsharing-Modellen, zu begegnen. Schließlich fordert Hickel auch ein bedingungsloses Grundeinkommen als Sozialminimum für alle, das neben der Abkehr vom Schuldsystem von den zentralen Wachstumstreibern befreien würde: „Wenn Wachstum ein Ersatz für Gleichheit ist, dann ist Gleichheit auch ein Ersatz für Wachstum“ (385).

Die Vorschläge sind teilweise kühn und im Detail durchzubuchstabieren. Forderungen nach einer massiven Ausweitung der Mittel für Entwicklungszusammenarbeit oder die Finanzierung von großen Aufforstungsprogrammen in den Ländern des Südens als Beitrag zur Klimastabilisierung sind zwar weniger radikal, dafür aber politisch eher umsetzbar. Doch es bleibt das Verdienst des Autors, dass er auf ein notwendiges neues Verständnis von globaler Gerechtigkeit verweist, das die Überwindung struktureller Probleme in den Blick nimmt. Das Buch ist gut verständlich geschrieben und richtet sich an ein breites Publikum.